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Güterverkehr im Rheinland kann auf die Schiene verlegt werden

11. August 2021

Schon seit Jahren machen die GRÜNEN sich dafür stark, die bisher ausschließlich für den Braunkohle-Transport eingesetzten RWE-Schienen nicht aufzugeben, sondern für den Schienenverkehr zur Verfügung zu stellen. Inzwischen gibt es endlich den Konsens, nach dem Ende des Tagebaus das rund 300 Kilometer lange RWE-Streckennetz für den Güterverkehr zu nutzen soll.

Foto: Annika Schmidt

Diese Maßnahme ist auch dringend erforderlich, denn das Bundesverkehrsministerium prognostiziert einen Anstieg des Gütertransports bis zum Jahr 2030 von rund 38 Prozent. Der grenzüberschreitende Verkehr soll um 46 Prozent zunehmen, der Binnenverkehr um 31 Prozent. Nordrhein-Westfalen als größtes Bundesland ist von dieser Entwicklung sowohl innerhalb des Landes als auch als Transitstrecke besonders betroffen. Nordrhein-Westfalen ist Bestandteil der wichtigsten europäischen Güterzugverbindung zwischen Rotterdam und Genua mit 1300 Kilometern Länge. Leider hat sich – mit Ausnahme der Erweiterung des 73 Kilometer langen Abschnitts zwischen Emmerich und Oberhausen, die gerade in Angriff genommen wird – noch nichts getan. Das hat zur Folge, dass die Güterzüge noch Jahrzehnte weiter durch den überlasteten Bahnknoten Köln und das Rheintal fahren werden.

Das könnte sich endlich ändern. Empfehlungen der Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ (Kohlekommission) sehen ein Ende der klimaschädlichen Braunkohleförderung und -verstromung bis spätestens 2038 vor. Allerdings sind bei den derzeitigen Plänen aus unserer Sicht noch viele Fragen offen, aber es muss jetzt entschieden werden, wie diese hervorragend ausgebauten Gleisanlagen zukünftig in das öffentliche Eisenbahnnetz integriert werden, um das Gros des Güterverkehrs von der Straße auf die Schiene zu verlagern.

Grundsätzliche technische Probleme gibt es nicht. Die Spurweite passt und für schwere Last wurden sie ohnehin konzipiert. Weiterhin ist sehr erfreulich, dass sich die RWE-Gleisanlagen in einwandfreiem Zustand befinden. Aber weder das Strom- noch das Signalsystem entspricht dem Standard öffentlicher Eisenbahnen und muss entsprechend angepasst werden. Genehmigt sind die Bahnen bisher nur nach Bergrecht, es sind also auch noch Planverfahren erforderlich.

Positiv ist, dass die Gleise weit abseits von Wohngebieten liegen. Somit könnten bald die Hambach- und vor allem die Nord-Süd-Bahn, die vom Tagebau Garzweiler bis nach Knapsack führt, eine große Bedeutung im Eisenbahngüterverkehr erlangen. Eine denkbare Anschlussmöglichkeit gibt es im Norden an die Strecke Köln-Mönchengladbach, wo bereits ein eingleisiger Anschluss von Niederaußem nach Rommerskirchen besteht. Auch im Raum Erkelenz an die Strecke Aachen – Mönchengladbach und damit an die Montzen-Route zum Hafen Antwerpen wäre ein Anschluss ausgesprochen sinnvoll. So könnte auch die im Bundesverkehrswegeplan 2030 enthaltene „Rheydter Kurve“ realisiert werden, um ohne Wendemanöver von Belgien Richtung Köln zu fahren.

Im Süden, also ab Knapsack ist eine Verbindung zu den rechts- und linksrheinischen Strecken nötig. Dadurch könnte eine leistungsfähige Umgehung des Eisenbahnknotens Köln für den transeuropäischen Güterverkehrsgeschaffen werden. Westring und der Südbrücke in Köln könnten dann vom Güterverkehr entlastet werden, was die S-Bahn-Pläne für Köln schneller und kostengünstiger machen würde.

Einziger Wermutstropfen: es ist ein Milliardenprojekt. Besonders aufwändig gestaltet sich die südliche Anbindung an die rechte Rheinstrecke mit Rheinquerung zwischen Bonn und Köln. Aufgrund der dichten Bebauung in Hürth, Brühl und Wesseling können die Gleise hier weitgehend nur unterirdisch verlaufen. Der Bundesverkehrswegeplan sieht aber immerhin auch eine Eisenbahnspange Köln/Brühl – Porz-Wahn vor.

Ab 2030 müsste die elektrische und signaltechnische Umrüstung und die Einbindung in das öffentliche Eisenbahnnetz angegangen werden. Dies bedeutet, dass Einzelmaßnahmen des Bundesverkehrswegeplans angepasst und neu bewertet, Rekultivierungspläne geändert, Raumordnungs- und Planfeststellungsverfahren durchgeführt werden müssen.

Positiv ist, dass es bereits in die richtige Richtung vorangeht. Bereits im Februar / März 2022 werden Ergebnisse zur Prüfung der Anlagen nur für Güterverkehr vorliegen, die das Landesverkehrsministerium derzeit in Abstimmung mit RWE vornimmt. „Etwa 2023 laufen in Frechen und Knapsack die Kohlestaubanlagen aus, wodurch der südliche Abschnitt der Nord-Süd-Bahn ab Niederaußem frei wird. Dann könnte auch die Eisenbahnwerkstatt von RWE in Habbelrath mit dem vorhandenen, dann zu elektrifizierenden Anschluss nach Rommerskirchen verstärkt für Dritte genutzt werden. Hier wurden sogar bereits schon ICE gewartet. Dann sollte eigentlich der erste Nicht-RWE-Zug rollen“, so Horst Lambertz, Regionalratsmitglied aus dem betroffenen Rhein-Erft-Kreis.  Es bleibt zu prüfen, ob auf diesem Teil der Strecke eine Spannungsumstellung auf DB-Werte erfolgen kann. Das Hauptproblem der Nutzung durch Dritte stellt sich insofern dar, als dass auf den Strecken alle Signalanlagen auf internationales Eisenbahnniveau umgebaut werden müssen, da eine Nutzungsgenehmigung nicht nur für eine Gesellschaft erfolgen darf, sondern nach EU-Recht diskriminierungsfrei für alle gilt. Auch wenn es sich noch wie sehr ferne Zukunftsmusik anhört – 10 bis 17 Jahre sind es noch bis zur Freigabe der Kohlebahnen – muss die Chance für eine langfristig tragfähige Lösung aber unbedingt jetzt schon genutzt werden!